12.05.2018     nordböhmische Industriekultur

Das Lausitzer Gebirge weist eine Reihe interessanter unterirdischer Industrierelikte auf, die schon länger auf der Fotowunschliste standen. Anfang Mai 2018 ergab sich nun die Gelegenheit für eine erste Fotorunde. Die Betonung liegt dabei auf "erste", denn wie immer war die Wunschliste der Motive länger, als das Zeitbudget. Hinzu kommt, dass die Kleinstädte und Dörfer im nordböhmischen schon alleine von ihrer Volkskultur her sehr fotogen sind: Umgebinde gepaart mit Gründerzeit im k.u.k.-Stil und das Ganze eingebettet in eine äußerst reizvolle Landschaft. Eine schier unendliche Vielfalt an Motiven, die jede SD-Karte sprengt. Im Fokus der Fotorunde standen untertägige Sachzeugen der Industriegeschichte: Wasserstollen und Abbauhöhlen alter Textilfabriken und Spiegelschleifereien.

 

Der erste Halt führte nahe Kreibitz (Chřibská) zu einer Textilfabrik, deren Maschinen vom Wasser des Kreibitzbaches angetrieben wurden. Die Wasserversorgung erfolgte über einen Mühlgraben, der abschnittsweise auch in zwei Tunneln verlief. Zwischen den beiden Tunneln überquerte der Graben den Bach auf einem kleinen Aquädukt. Während von der Fabrik, die im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929 den Betrieb einstellte, später umgenutzt und nach längerem Leerstand und Brand 2000 abgebrochen wurde, nichts mehr vorhanden ist, blieben die Bauten der Wasserversorgung erhalten.

 

Dann führte die Fahrt nach Zwickau in Böhmen (Cvikov). Südlich des Ortes wurde seit dem 18. Jahrhundert Sandstein gebrochen und unterirdisch auch Sand gefördert. Die Abbaukammern erweiterte man im Zweiten Weltkrieg, um Teile der Rüstungsproduktion hier bombensicher unterzubringen. Ob dies tatsächlich geschah, ließ sich nicht recherchieren. Zumindest sollten die Höhlen noch tiefer in den Berg getrieben werden, davon zeugen überall die vorbereiteten Bohr- und Sprenglöcher. Die nach ihrem Grundriss "Die Acht - Osmicka" genannten Weitungen sind heute stark vermüllt. An den Wänden haben sich "Steinmetze" mit diversen Reliefs verewigt.

 

Anschließend führte unser Weg nach Zwitte (Svitava). Östlich des Ortes befindet sich die "Wüste Kirche" bzw. "Zigeunerhöhle" (Pustý kostel), deren Weitungen durch den Abbau von Sand für den Betrieb von Spiegelschleifereien entstanden. Ein alter Bericht von 1922 berichtete über die Höhle:

 

"Der Besucher glaubt in einer Vorhalle des Orkus zu sein, wenn man vom freien Tageslicht in diese Sandsteingewölbe tritt, wo dem Eintretenden erst nach einigem Verweilen, bis sich die Pupille hinreichend erweitert hat, die Einzelheiten und schauervolle Tiefe dieser sehenswerten Katakomben deutlicher werden.

Ohne Fackelschein darf sich niemand in die weitsichtigen Tiefen dieser Irrgänge wagen."

 

Wir wagten jedenfalls den Gang in den Untergrund - und waren sehr begeistert von der Sandsteinhöhle.

 

Unweit der "Wüsten Kirche" fand sich eine weitere interessante Wasserversorgung, die Ende des 18. Jahrhunderts Graf Johann Josef Maximilian Kinsky (1705-1780) für eine Spiegelschleiferei anlegte. Dabei wurde am "Schwarzen Wehr" (Černý jez) der Zwittebach durch einen Felsen geleitet - und in diesem Felsen zweigte man den Wasserkanal der Schleiferei ab. Über ein Tunnel-Graben-Tunnel-System gelangte das Wasser dann zur Fabrik. Der längere der beiden Tunnel zeigte sich dabei in einer sehr schönen handgeschlägelten Art. Vom Tunnel angeschnitten war auch die sogenannte "Mammutgrotte", eine vergleichsweise große Höhle, die vermutlich auch durch den Sandabbau entstand. Hier hingen noch Seile von der Decke, deren Sinn sich uns aber nicht erschloss. Das Leben wäre ja aber langweilig, wenn es auf alle Fragen gleich die passende Antwort gäbe...

 

Weiter ging es ins kleine Dorf Wellnitz (Velenice u Zákup). Das Dorf erhielt erst 1735 eine Kirche. Da die Bewohner aber schon eher nach einem Ort der Andacht verlangten, meiselte ein Dorfbewohner um 1711 eine Kapelle in den Sandstein. Das "Grab Gottes" (Boží hrob) zeigt im Inneren in Sandsteinreliefs die letzten Augenblicke des Lebens Jesus Christus von seinem Gebet am Ölberg bis zu seiner Kreuzigung auf der Golgota. Die lange Zeit dem Verfall preisgegebene Kapelle wurde 2002 saniert - schön, dass solch ein Kleinod damit erhalten bleibt.

 

Den Höhepunkt der Fototour hatten wir uns für den Schluss aufgehoben: einen "Badegang" im Fluss. Im Gegensatz zu einigen Einheimischen, die uns in Badesachen folgten, fanden wir die Wathosen allerdings angebrachter. Kurz der Reihe nach: unweit von Neuland am Rollberge (Noviny pod Ralskem) wurde der Fluss Polzen (Ploučnice) schon im 16. Jahrhundert in einen künstlichen Kanal mit zwei Tunneln verlegt. Der schluchtartige Verlauf des Polzendurchbruchs (Průrva Ploučnice), der passenderweise auch als Höllenschlund oder Donnerloch bezeichnet wird, diente dem frühen Hochwasserschutz. Das vergleichsweise kleine Mundloch am Ausfluss regulierte die abfließende Wassermenge, die Felder und Wiesen am Oberlauf konnten überstaut werden. Im Sommer nutzen die Tschechen den Durchfluss als "Abenteuergang" zur Erfrischung, auch hinter uns waren zwei Väter mit ihren Kindern unterwegs. Andere fahren auch mit dem Boot durch die Passage, davon gibt´s auf youtube Videos. Die Knipserei war im Fluss gar nicht so einfach, abschnittsweise standen wir bis zum Bauch im Wasser und am Flussboden wechselten steinige Passagen mit Schwammsand. Unter den Bedingungen war es schwer, einen sicheren Stand für das Stativ zu finden. Die Canon 5DM3 macht zwar einiges mit, ein Vollbad hätte sie mir sicher übel genommen. Das machte die Tour aber auch zu etwas besonderem.